Kann die Gedächtnisspanne (memory span) erweitert werden? Falls ja, wie, und was ist der limitierende Faktor? Falls nein, warum nicht?

Kapitel 3
Gedächtnisspanne
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Antwort

Zuerst gilt es, die Gedächtnisspanne (memory span) in den Kontext einzubetten. Vorliegend wird der Fokus auf das Kurzzeitgedächtnis und seine Gedächtnisspanne gelegt. Davon ist die Gedächtnisspanne des Arbeitsgedächtnisses (working memory span) abzugrenzen. Das Arbeitsgedächtnis ist gleichzeitig für die Speicherung und Manipulation von Informationen zuständig. Die Gedächtnisspanne des Arbeitsgedächtnisses weist im Gegensatz zum Kurzzeitgedächtnis eine höhere Komplexität auf. Das Kurzzeitgedächtnis ist hingegen zuständig für die temporäre Speicherung von beschränkten Informationsmengen und dies wiederum für eine beschränkte Zeitdauer.

Für die Messung der Gedächtnisspanne bedarf es zweierlei Dinge. Einerseits ist es erforderlich, sich an die dargebotenen Informationen zu erinnern. Andererseits sollen diese Informationen in der präsentierten Reihenfolge wiedergegeben werden.

Grundsätzlich ist die Gedächtnisspanne durch die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses limitiert. Dies bedeutet, dass die Gedächtnisspanne nur eine bestimmte Menge an Informationen aufnehmen kann. Zudem spielt der Zeitfaktor ebenso eine wesentliche Rolle, da dieser beschränkt ist. Eine Erweiterung der Gedächtnisspanne kann jedoch unter bestimmten Bedingungen wahrgenommen bzw. erzielt werden.

Die Messung der Gedächtnisspanne des Kurzzeitgedächtnisses kann beispielsweise mittels Zahlen oder Buchstaben erfolgen. Bei der Messmethode mit den Buchstaben wird eine Reihe von Buchstaben aneinandergereiht und präsentiert. Die Aufgabe besteht darin, sich die präsentierten Buchstaben zu merken und diese in der korrekten Reihenfolge wiederzugeben. Ein Beispiel dafür kann eine willkürlich aneinander gereihte Buchstabenfolge von zwölf Buchstaben wie TFROLCXPLKFY sein. Die Anzahl korrekt wiedergegebener Buchstaben umfasst die Gedächtnisspanne. Da kommt nun die Erweiterung der Gedächtnisspanne ins Spiel. Wird immer wieder die gleiche Buchstabenfolge präsentiert, ist man irgendwann geübt und kann die Gedächtnisspanne sozusagen erweitern. Es gibt jedoch auch Reihenfolgen von Buchstaben, die sich leicht gruppieren und abspeichern lassen. Ein Beispiel dafür ist SBBAXACVPUBS. Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine Buchstabenfolge von zwölf Buchstaben. Im Gegensatz zur vorherigen Buchstabenfolge können hier Gruppen von drei Buchstaben gebildet und abgespeichert werden: SBB – AXA – CVP – UBS. Der Abruf dieser Gruppierungen fällt im Vergleich zu den willkürlich angeordneten Buchstaben deutlich leichter. Auf diese Weise können mehr Buchstaben wiedergegeben werden, ohne diese Reihenfolge je zuvor gesehen zu haben. Das Bilden von Gruppierungen wird als Chunking bezeichnet. Beim Chunking handelt es sich um einen Prozess, bei dem eine bestimmte Anzahl von Informationsmengen kombiniert wird und zu einem einzigen Chunk bzw. Klumpen zusammengetragen wird. Dieser Prozess basiert auf dem Langzeitgedächtnis. George Miller (1956) behauptete, dass die Gedächtnisspanne nicht durch die Anzahl von Buchstaben, sondern die Anzahl der Chunks limitiert ist. Die Chunks sind als eine Einheit bestimmter Informationsmenge aufzufassen. Auf diese Weise ist es möglich, pro Informationseinheit mehr Buchstaben abzurufen, was wiederum dazu führt, dass die Anzahl der korrekt wiedergegebenen Buchstaben einer Reihenfolge entsprechend grösser und die Gedächtnisspanne erweitert wird. Wie kurz erwähnt, spielt das Langzeitgedächtnis hierbei auch eine wesentliche Rolle, denn das Wissen aus dem Langzeitgedächtnis beeinflusst bzw. begünstigt die Bildung von Chunks. Es betrifft insbesondere die Sprachgewohnheiten. Die Buchstabenreihenfolge SBBAXACVPUBS ist für Personen, die in der Schweiz leben leichter in Chunks zu gruppieren als für jene, die mit der Schweiz keine Berührungspunkte haben. Hierbei ist jedoch zu erwähnen, dass es durchaus auch möglich ist, eine Buchstabenreihenfolge zu bilden, die vielseitiger einsetzbar sind. Ein Beispiel dafür ist die Buchstabenreihenfolge APALOLEROLEO. Diese Buchstabenfolge erleichtert die Bildung von Silben.

Bei der Messmethode mit den Zahlen lässt sich ein ähnliches Phänomen wie bei den Buchstaben beobachten. Hierbei werden anstelle von Buchstaben Zahlen in einer bestimmten Reihenfolge präsentiert. Die Aufgabe besteht ebenfalls darin, die Zahlen abzuspeichern und in der korrekten Reihenfolge wiederzugeben. Die Zahlenspanne (digit span) umfasst die maximale Anzahl korrekt wiedergegebener Zahlen in der richtigen Reihenfolge. Das Limit der Zahlenspanne liegt bei den meisten Menschen zwischen sechs und sieben Zahlen. Die Zahlen lassen sich jedoch auch gruppieren, was zu einer Erweiterung der Zahlenspanne führt. Hierzu kann beispielsweise der Sprechrhythmus als Hilfsmittel beigezogen werden. Werden die Zahlen in Gruppen präsentiert, indem beispielsweise beim Vorlesen der Zahlenfolge kurze Pausen nach drei aufeinanderfolgenden Zahlen eingebaut werden, so wird die Leistung des Abrufs deutlich besser.

Im Grossen und Ganzen ist festzuhalten, dass Chunking zu Vorteilen in Bezug auf die Erweiterung der Gedächtnisspanne führt. Nichtsdestotrotz bleibt es im Wesen des Kurzzeitgedächtnisses, dass die temporäre Speicherung der Informationsmenge und die Zeitdauer beschränkt sind.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Der Text beantwortet die Fragen zufriedenstellend. Achten Sie allerdings darauf, jegliche Aussagen, welche nicht Ihre eigenen sind, zu referenzieren. Ebenfalls müssen alle Referenzen im Text auch im Literaturverzeichnis aufgelistet werden. So fehlt etwa die der Eintrag für Miller (1956) im Literaturverzeichnis.

Stellen Sie zudem sicher, dass Sie all Ihre Aussagen weitergehend erklären. Bei der Gruppierung von drei Buchstaben wird nicht erklärt, wieso diese Buchstaben (SBB, AXA etc.) gruppierbar sind. Ohne das Hintergrundwissen von Schweizer Unternehmen kann dies nicht nachvollzogen werden.

Note: 5.0